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Herzinfarkt erkennen und handeln — was tun bis der Notarzt kommt?

Notfall-Hinweis: Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sofort 112 anrufen — auch wenn Sie unsicher sind. Fahren Sie nicht selbst in die Klinik und warten Sie nicht ab. Jede Minute ohne Behandlung kann zu dauerhaftem Herzmuskelschaden führen.

Ein Herzinfarkt (Myokardinfarkt) entsteht, wenn ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß (Koronararterie) plötzlich verschließt. Der dahinterliegende Herzmuskel wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und stirbt ohne sofortige Behandlung ab. Der Grundsatz lautet: „Time is muscle“ — Zeit ist Muskel. Je früher der Rettungsdienst eintrifft und die Arterie wieder geöffnet werden kann, desto geringer sind die bleibenden Schäden.

Schritt 1: Sofort 112 anrufen

Bevor Sie die Symptome einordnen, bevor Sie nachdenken, bevor Sie jemand anderen fragen: Rufen Sie 112 an. Der Notruf ist kostenlos, rund um die Uhr erreichbar und gilt europaweit. Teilen Sie der Leitstelle mit:

  • Was ist passiert? (Verdacht auf Herzinfarkt)
  • Wo sind Sie? (genaue Adresse, Etage)
  • Wer ist betroffen? (Alter, Geschlecht, Bewusstseinszustand)
  • Warten Sie auf Rückfragen — legen Sie erst auf, wenn die Leitstelle es sagt.

Der Rettungsdienst schickt auf den Stichwort-Verdacht „Herzinfarkt“ einen Notarzt mit — das gelingt nur, wenn Sie den Verdacht klar benennen.

Herzinfarkt-Symptome erkennen

Leitsymptome (typische Präsentation)

Die European Society of Cardiology (ESC) beschreibt in ihren Leitlinien 2023 zum Akuten Koronarsyndrom folgende charakteristische Beschwerden:

  • Plötzlicher, anhaltender Brustschmerz — hinter dem Brustbein oder im gesamten Brustkorb, als Druck-, Enge- oder Schweregefühl; häufig beschrieben wie „ein Elefant, der auf der Brust sitzt“.
  • Ausstrahlung in den linken Arm (seltener rechten Arm), in die Schulter, den Hals, den Kiefer oder den Rücken.
  • Begleitbeschwerden: Schweißausbrüche (oft kaltschweißig), Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Todesangst, Blässe, Schwindel oder Schwächegefühl.
  • Die Beschwerden beginnen plötzlich, halten länger als fünf Minuten an und bessern sich in der Regel nicht von alleine.

Atypische Symptome — besonders wichtig bei Frauen

Nicht jeder Herzinfarkt kündigt sich mit dem klassischen Vernichtungsschmerz an. Laut ESC-Leitlinie 2023 und den Daten der Deutschen Herzstiftung treten bei einem Teil der Betroffenen — häufiger bei Frauen, älteren Menschen und Personen mit Diabetes — vor allem folgende atypische Zeichen auf:

  • Übelkeit und Erbrechen ohne offensichtlichen Grund
  • Schmerzen im Oberbauch (Verwechslungsgefahr mit Magenbeschwerden)
  • Rücken- oder Kieferschmerzen
  • Ausgeprägte Atemnot ohne Brustschmerz
  • Ungewöhnliche Erschöpfung oder Schwäche
  • Schwindel oder kurze Ohnmacht

Wichtig: Das Fehlen von Brustschmerzen schließt einen Herzinfarkt nicht aus. Wer eines oder mehrere dieser Zeichen in unbekanntem Ausmaß bei sich oder einer anderen Person beobachtet, sollte umgehend 112 anrufen.

Abgrenzung: Kein Diagnosewerkzeug

Diese Symptombeschreibungen dienen der Orientierung — sie ersetzen weder die ärztliche Diagnose noch können sie mit Sicherheit bestätigen oder ausschließen, dass ein Herzinfarkt vorliegt. Die Diagnose obliegt ausschließlich dem Rettungsdienst und dem medizinischen Team in der Klinik.

Was tun bis der Notarzt kommt? — Die Handlungskette

Was Sie tun sollten

  1. 112 anrufen (falls noch nicht geschehen) und in der Leitung bleiben.
  2. Betroffene Person beruhigen und ansprechen — alleine lassen ist nicht ratsam, da sich der Zustand schnell verschlechtern kann.
  3. Hinsetzen oder hinlegen mit leicht erhöhtem Oberkörper — so wird das Herz entlastet. Eine sitzende oder halbsitzende Position (z. B. angelehnt an eine Wand) ist in der Regel am angenehmsten.
  4. Beengende Kleidung öffnen — Krawatte lockern, Hemdknopf öffnen, enge Kleidungsstücke entfernen, damit die Atmung erleichtert wird.
  5. Vitalzeichen beobachten — sprechen Sie die Person regelmäßig an und achten Sie auf Bewusstsein und Atmung.
  6. AED bereitstellen, falls in der Nähe vorhanden (z. B. in öffentlichen Gebäuden). Den Standort kann die Leitstelle nennen.

Was Sie nicht tun sollten

  • Nicht selbst mit dem Auto in die Klinik fahren — weder als Betroffener noch als Fahrer mit dem Patienten. Der Rettungsdienst kann die Behandlung bereits auf dem Weg beginnen und die Pränotifikation an die Klinik übermitteln.
  • Keine Eigenmedikation — geben Sie der betroffenen Person keine Medikamente (auch kein Aspirin), die nicht vom Rettungsdienst angewiesen wurden. Die Entscheidung über eine medikamentöse Erstversorgung obliegt dem Notarzt.
  • Nicht warten in der Hoffnung, dass die Beschwerden von selbst vergehen.
  • Nicht die 116 117 anrufen — der ärztliche Bereitschaftsdienst ist für dringende, nicht lebensbedrohliche Fälle zuständig. Bei Herzinfarkt-Verdacht gilt ausschließlich 112.

Was tun, wenn die Person bewusstlos wird?

Wenn die betroffene Person das Bewusstsein verliert und keine normale Atmung mehr zeigt (kein erkennbares Atemheben, Schnappatmung gilt als Herz-Kreislauf-Stillstand), beginnen Sie sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW):

  1. Person auf den Rücken auf eine feste Unterlage legen.
  2. Hände übereinander auf die Mitte des Brustkorbs legen.
  3. Mit gestreckten Armen das Brustbein 5 bis 6 cm tief eindrücken — 100 bis 120 Mal pro Minute (Rhythmus wie beim Lied „Stayin' Alive“ der Bee Gees).
  4. Als ungeübter Laie ist die Herzdruckmassage allein wirksam — Mund-zu-Mund-Beatmung ist für Laien nicht zwingend erforderlich, aber empfehlenswert wenn geübt.
  5. Nicht aufhören, bis der Rettungsdienst eintrifft und übernimmt.

Die stabile Seitenlage ist beim bewusstlosen Herzinfarkt-Patienten kein Ersatz für die Wiederbelebung — sie gilt ausschließlich, wenn die Person nach erfolgter HLW wieder normal atmet.

Warum ist schnelles Handeln so entscheidend?

Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung erleiden in Deutschland jährlich über 300.000 Menschen einen Herzinfarkt; rund 47.000 sterben daran — ein großer Teil außerhalb von Kliniken, weil Warnsymptome nicht rechtzeitig erkannt oder der Notruf zu spät gewählt wurde. Das Ziel der Akutbehandlung — die Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes per Herzkatheter (perkutane Koronarintervention, PCI) — ist nur dann vollständig wirksam, wenn sie so früh wie möglich nach Symptombeginn eingeleitet wird.

Krankenhäuser mit Chest Pain Unit in NRW

Bei Herzinfarkt-Verdacht fährt der Rettungsdienst direkt eine geeignete Klinik an — bevorzugt ein Haus mit Chest Pain Unit (CPU) und Herzkatheterlabor. Zur Orientierung: Kliniken mit kardiologischer Notfallversorgung in NRW (Auswahl):

Alle Kliniken mit Notaufnahme in Ihrer Stadt finden Sie unter Notaufnahmen in NRW.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen 112 und 116 117 beim Herzinfarkt? Beim Herzinfarkt gilt ausschließlich 112 — der europaweite Notruf, kostenlos rund um die Uhr. Der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117 ist für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Praxisöffnungszeiten zuständig. Ein Herzinfarkt ist ein lebensbedrohlicher Notfall — hier immer 112.

Kann ein Herzinfarkt auch ohne Schmerzen auftreten? Ja. Besonders ältere Menschen, Personen mit Diabetes und Frauen können einen Herzinfarkt ohne den klassischen Brustschmerz erleiden. Atemnot, starke Übelkeit, unklare Erschöpfung oder Schmerzen im Kiefer bzw. Oberbauch können die einzigen Zeichen sein. Im Zweifel immer 112 rufen.

Was ist eine Chest Pain Unit? Eine Chest Pain Unit (CPU, Brustschmerzambulanz) ist eine spezialisierte Einheit in der Notaufnahme, die auf die rasche Diagnostik von akuten Brustschmerzen ausgerichtet ist. Dort werden EKG, Laborwerte (Troponin) und Bildgebung beschleunigt ausgewertet, um einen Herzinfarkt schnell zu bestätigen oder auszuschließen und die weitere Behandlung einzuleiten.

Darf ich als Laie eine Herzdruckmassage durchführen? Ja — und Sie sollten es tun. Wer bei einer bewusstlosen Person, die keine normale Atmung zeigt, mit einer Herzdruckmassage beginnt, kann das Leben retten. Das Risiko, durch korrekt durchgeführte Herzdruckmassage zu schaden, ist gering im Vergleich zu den Folgen eines unbehandelten Herzstillstands. Der Rettungsdienst leitet Sie am Telefon an.

Warum soll ich nicht selbst in die Klinik fahren? Der Rettungsdienst kann bereits im Fahrzeug mit der Behandlung beginnen (Sauerstoff, EKG, Medikamente, Defibrillator) und die aufnehmende Klinik vorab informieren, sodass das Herzkatheterlabor vorbereitet ist. Wer selbst fährt, verliert diese wertvolle Vorlaufzeit.

Was ist, wenn die Symptome von selbst nachlassen? Klingt die Beschwerde spontan ab, schließt das einen Herzinfarkt nicht aus — auch eine instabile Angina pectoris kann sich kurzfristig bessern und dennoch ein unmittelbares Warnsignal für einen bevorstehenden Infarkt sein. Bei jedem Auftreten solcher Beschwerden ist umgehend ärztliche Hilfe zu suchen (112 oder — wenn der Zustand stabil ist — sofort eine Notaufnahme aufsuchen).


Quellen: European Society of Cardiology (ESC): 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes, European Heart Journal (2023), doi: 10.1093/eurheartj/ehad191; Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Pocket-Leitlinie Akutes Koronarsyndrom (Version 2023), leitlinien.dgk.org; Deutsche Herzstiftung e. V., herzstiftung.de — Herzinfarkt: Anzeichen erkennen; herzstiftung.de — Herzinfarkt bei Frauen: Symptome (inkl. MEDEA-Studie); European Resuscitation Council (ERC): Guidelines 2021, erc.edu; German Resuscitation Council (GRC), grc-org.de. Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Im Notfall immer 112 anrufen. Redaktionell und medizinisch geprüft (YMYL-Review durch Head of Board): Juni 2026.