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KI im Klinik-Alltag: Wie KI medizinische Dokumentation und Arztbriefe verändert

KI in der Dokumentation: Was heute tatsächlich möglich ist

Medizinische Dokumentation – Arztbriefe, Entlassberichte, OP-Berichte, Ambulanzdokumentation – gehört zu den zeitintensivsten Tätigkeiten im Klinikalltag. Schätzungen zufolge verbringen Ärztinnen und Ärzte einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit administrativer Tätigkeit, von der ein großer Anteil auf Dokumentation entfällt.

KI-Systeme können hier messbar entlasten. Aktuelle Anwendungen auf Basis großer Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) sind in der Lage, aus strukturierten Eingaben oder diktierten Notizen kohärente Arztbrief-Entwürfe zu erzeugen. Einige Systeme transkribieren gesprochene Sprache direkt und strukturieren die Inhalte nach medizinischen Dokumentationsstandards. Andere unterstützen bei der ICD-Kodierung, indem sie aus dem Freitext Diagnosevorschläge ableiten.

Der entscheidende Punkt: Diese Systeme erstellen Entwürfe. Sie reduzieren Tipparbeit und strukturieren Informationen – sie ersetzen nicht das medizinische Urteil der behandelnden Person. Wer das bei der Einführung eines solchen Systems nicht klar kommuniziert, riskiert eine falsche Erwartungshaltung und damit reale Fehlerquellen.

Wo KI heute an Grenzen stößt

Sprachmodelle, die für medizinische Texte eingesetzt werden, können inhaltliche Fehler produzieren – auch wenn die Formulierungen korrekt klingen. Das Phänomen wird als Halluzination bezeichnet: Das Modell erzeugt plausibel wirkende, aber sachlich falsche Aussagen. Im medizinischen Kontext – etwa bei Medikamentendosierungen, Diagnosen oder Befunden – kann das direkte klinische Konsequenzen haben.

Hinzu kommen systemische Einschränkungen: Viele allgemein verfügbare LLM sind nicht auf klinische Dokumentation spezialisiert. Fachspezifische Terminologie, Abkürzungskonventionen und medizinische Kodierlogik erfordern entweder speziell trainierte Modelle oder aufwändige Prompt-Architekturen. Die Integration in bestehende Krankenhausinformationssysteme (KIS) ist technisch anspruchsvoll und in der Praxis häufig der entscheidende Engpass.

Regulatorische Einordnung: EU AI Act und MDR

Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) ist seit dem 1. August 2024 in Kraft und wird schrittweise angewendet. Für Entscheider in Kliniken sind folgende Zeitpunkte relevant:

  • Februar 2025: Verbote für bestimmte KI-Praktiken gelten; die KI-Literacy-Pflicht nach Art. 4 AI Act ist in Kraft. Alle Personen, die KI-Systeme einsetzen – also auch Ärztinnen, Ärzte und MFA –, müssen nachweislich über ausreichende Kenntnisse zur sicheren Nutzung verfügen.
  • August 2026: Anforderungen für Hochrisiko-KI gelten, wenn das System als Sicherheitskomponente eines Medizinprodukts eingesetzt wird oder selbst als Medizinprodukt eingestuft ist.
  • Dezember 2027 bzw. August 2028: Betreiberpflichten für weitere Hochrisiko-KI-Systeme (Anhang III AI Act) nach aktuellem Stand des Digital Omnibus.

Die Risikoeinstufung des eingesetzten Systems ist dabei ausschlaggebend. Reine Formulierungsassistenz – ein System, das einen vorgegebenen Text sprachlich überarbeitet, ohne inhaltliche Vorschläge zu machen – wird in der Regel als Minimal- oder Niedrigrisiko eingestuft. Systeme, die inhaltliche Vorschläge zu Diagnosen, Therapien oder Kodierungen machen, können unter Anhang III AI Act fallen und damit als Hochrisiko eingestuft werden. Für diese gelten umfangreiche Pflichten: KI-Kompetenznachweis, menschliche Aufsicht, Protokollierung, Grundrechte-Folgenabschätzung (GRFA) und – bei Medizinprodukten – das CE-Zertifizierungsverfahren nach MDR (EU) 2017/745, Regel 11 für Software.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein System, das einen diktierten Text in einen formatierten Arztbrief überführt, ohne inhaltliche Ergänzungen vorzunehmen, ist anders zu bewerten als ein System, das aus einem klinischen Verlauf automatisch ICD-Codes vorschlägt oder Differenzialdiagnosen ableitet.

Quelle: EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689), Zeitplan nach aktuellem Stand des Omnibus-Pakets, Mai 2026; MDR (EU) 2017/745, Regel 11; Johner Institut, Analyse AI Act & MDR, 2025.

Haftung bleibt beim Arzt – ohne Ausnahme

Unabhängig vom Reifegrad des eingesetzten Systems gilt zivilrechtlich: Die Haftung für den Arztbrief liegt beim unterzeichnenden Arzt. KI ist kein Delegationssubjekt; ein KI-erzeugter Entwurf ist haftungsrechtlich der Arztbrief des Arztes, der ihn freigibt.

Das hat konkrete Konsequenzen für den Arbeitsablauf: Jeder KI-Entwurf muss vor Freigabe vollständig inhaltlich geprüft werden. Die Prüfung selbst sollte dokumentiert sein – gerade mit Blick auf §630h BGB (Beweislastumkehr bei Behandlungsfehlern). Wer ein KI-System einsetzt, ohne einen strukturierten Review-Prozess zu etablieren, schafft ein neues Haftungsrisiko, nicht weniger davon.

Die KI-Literacy-Pflicht nach Art. 4 AI Act ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine formale Compliance-Anforderung: Sie erfordert, dass das eingesetzte Team nachweislich versteht, wie das System funktioniert, wo es versagen kann und wie mit Fehlausgaben umzugehen ist.

Praktische Einführungsschritte für Kliniken

Für Entscheider, die den Einsatz von KI-gestützter Dokumentation prüfen oder vorbereiten, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen:

1. Einstufung und Dokumentation: Klären Sie mit dem Anbieter, ob das System ein KI-System im Sinne des AI Act ist (Art. 3 Nr. 1) und welcher Risikokategorie es zuzuordnen ist. Dokumentieren Sie die Zweckbestimmung.

2. Datenschutz: Schließen Sie einen Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO ab. Prüfen Sie, ob eine Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) erforderlich ist. Klären Sie, ob Patientendaten den Server des Anbieters verlassen und wo diese verarbeitet werden.

3. Schulung: Etablieren Sie eine nachweisbare Schulung aller Anwender – Ärzte, Pflegepersonal, MFA – zu den Möglichkeiten und Grenzen des Systems sowie zum korrekten Review-Verhalten.

4. Review-Prozess: Definieren Sie schriftlich, wie KI-Entwürfe freigegeben werden. Wer prüft, in welchem Umfang und wie die Prüfung dokumentiert wird.

5. Qualitätskontrolle: Institutionalisieren Sie stichprobenartige Qualitätsprüfungen von KI-Ausgaben – nicht nur bei der Einführung, sondern dauerhaft.

Fazit: Realistisches Potential, konkreter Handlungsbedarf

KI-gestützte Dokumentation hat in Krankenhäusern und Praxen ein reales Entlastungspotential – insbesondere bei der Reduktion von Schreibarbeit und der Strukturierung von Freitexten. Die Erwartung, dass KI die medizinische Urteilsbildung ersetzt oder Dokumentation vollständig automatisiert, ist weder technisch noch rechtlich belastbar.

Der regulatorische Rahmen durch EU AI Act, MDR und DSGVO ist konkret und wird bis 2027/2028 stufenweise verschärft. Einrichtungen, die heute investieren, sollten sicherstellen, dass der gewählte Anbieter die Compliance-Anforderungen kennt und dokumentiert nachweisen kann – und dass intern die Prozesse für Review, Schulung und Qualitätssicherung stehen, bevor das System produktiv geht.

HÄUFIGE FRAGEN
Ersetzt KI die ärztliche Kontrolle bei Arztbriefen?
Nein. KI-Systeme erstellen Entwürfe, die Tipparbeit reduzieren und Informationen strukturieren — sie ersetzen nicht das medizinische Urteil. Jeder KI-Entwurf muss vor Freigabe vollständig inhaltlich geprüft werden, da die Haftung für den Arztbrief beim unterzeichnenden Arzt liegt.
Was bedeutet die KI-Literacy-Pflicht nach Art. 4 AI Act?
Seit Februar 2025 müssen alle Personen, die KI-Systeme einsetzen — also auch Ärztinnen, Ärzte und MFA — nachweislich über ausreichende Kenntnisse zur sicheren Nutzung verfügen. Das ist keine reine Formalität, sondern soll sicherstellen, dass Anwender verstehen, wo das System versagen kann.
Wann gilt ein Dokumentations-KI-System als Hochrisiko-KI?
Reine Formulierungsassistenz ohne inhaltliche Vorschläge wird meist als Minimal- oder Niedrigrisiko eingestuft. Systeme, die inhaltliche Vorschläge zu Diagnosen, Therapien oder Kodierungen machen, können unter Anhang III AI Act fallen und als Hochrisiko gelten — mit Pflichten wie menschlicher Aufsicht, Protokollierung und Grundrechte-Folgenabschätzung.
Was ist eine KI-Halluzination im medizinischen Kontext?
Als Halluzination bezeichnet man plausibel klingende, aber sachlich falsche Aussagen eines Sprachmodells. Bei Medikamentendosierungen, Diagnosen oder Befunden kann das direkte klinische Konsequenzen haben — deshalb ist eine vollständige Prüfung jedes KI-Entwurfs vor Freigabe zwingend erforderlich.
Welche Schritte sollten Kliniken vor der Einführung eines KI-Dokumentationssystems gehen?
Empfohlen werden: Einstufung des Systems nach AI Act klären, Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO abschließen, Anwenderschulung nachweisbar durchführen, einen schriftlichen Review-Prozess für KI-Entwürfe definieren und dauerhafte Stichprobenprüfungen der KI-Ausgaben etablieren.